Geschichte

Mit dicken Backen dreht sich der Posaunenengel auf dem Dachreiter der alten evangelischen Kirche in Oberkassel im Wind. Man glaubt förmlich, seine Posaunenklänge zu hören. Posaunenengel sind vielfach historisches Zeichen der Gotteshäuser der evangelisch - reformierten Gemeinden am Niederrhein. Diese wollten sich damit abgrenzen von den katholischen Kirchen mit Wetterhahn oder Kreuz.
Der Engel mit der Posaune steht aber auch als Zeichen durchkämpfter Glaubensnot und bewahrter Gemeinschaft: „Ich sah einen Engel hoch droben am Himmel fliegen, der hatte eine ewige Heilsbotschaft zu verkündigen allen Völkern.“ So steht es, leicht verkürzt, in der Offenbarung des Johannes. Mit Bezug auf den niederländischen Glaubenskampf der evangelischen „Geusen“ gegen die (katholische) spanische Herrschaft im 16. Jahrhundert wird der Posaunenengel auch „Geusendaniel“ genannt. Noch heute erinnert er an die reformierte Herkunft der evangelischen Kirchengemeinde Oberkassel. Seit 1832 zählt die evangelische Gemeinde Oberkassel zur unierten Kirche. In ihr sind die lutherischen und die reformierten Gemeinden in Preußen auf Veranlassung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. ab 1817 vereint worden. Ihn störte, dass er als Reformiert-Gläubiger nicht mit seiner Ehefrau, der lutherischen – gläubigen Königin Luise, in der Potsdamer Garnisonkirche gemeinsam das Abendmahl empfangen konnte. Die unterschiedlichen Auffassungen über das Wesen des Abendmahls hatten die beiden evangelischen Glaubensrichtungen entzweit.

Bereits 1550 ist in Oberkassel durch den ehemaligen Franziskanermönch Georg Kruiff nach reformatorischem Verständnis gepredigt worden. Die Gottesdienste wurden unter schwierigen Bedingungen in Wohnhäusern, ja teilweise versteckt im Wald gefeiert. Erst der Religionsvergleich von 1672 zwischen dem katholischen Pfalzgrafen Phillip Wilhelm und dem protestantischen brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm sicherte den Reformierten die freie Religionsausübung zu und gewährte ihnen „die Macht, Kirchen zu bauen und zu unterhalten,“ Gleichwohl dauerten die Streitigkeiten zwischen den Konfessionen an und noch 1768 führten die Reformierten in Oberkassel darüber Klage, dass „die protestantische, sonders die reformierte Religion (in einer Predigt durch einen Mönch aus Kurköln) samt Lehrer und Prediger schimpflich und bis zum Gelächter durchgezogen werden.“
Drei Kirchen stehen der Gemeinde zur Verfügung. Die alte Kirche in Oberkassel führt das Adjektiv alt zu Recht in ihrem Namen. 1683 gegründet ist sie die älteste evangelische Kirche auf Bonner Stadtgebiet. Knochenarbeit war der Bau im wahrsten Sinne des Wortes für die wenigen Gemeindemitglieder; kaum mehr als ein Dutzend Namen stehen in den Quellen für diese Zeit, für eine Gemeinde, deren Einzugsgebiet sich von Spich bis nach Honnef erstreckte. Leider sollten die Worte aus dem Lukasevangelium über dem ursprünglichen Hauptportal der Kirche: „Himmel und Erde werden vergehen aber meine Worte vergehen nicht,“ schon bald Wirklichkeit werden: Bereits sechs Jahre später wurde die kleine Kirche kriegsbedingt ein Opfer der Flammen, die auch den größten Teil des Ortes niederlegten. Wahrhaft schwere Zeiten für die kleine Gemeinde, wenn auch das Wort überdauerte. 1698 konnte mit Spendengeldern zahlreicher evangelischer Gemeinden, auch „außerhalb lands“, und Schenkungen weltlicher Gönner bereits ein neuer Bau seiner Bestimmung übergaben werden, wenn auch der Kirchturm, ein Dachreiter, erst 1726 fertig wurde. Die dazugehörige Glocke war ein Geschenk aus Amsterdam. 225 Jahre wurde Gottesdienst in diesem kleinen Saalbau gefeiert; kaum 100 Personen fasste die alte Kirche, auf das Zehnfache war die Gemeinde inzwischen angewachsen, ein Neubau unumgänglich geworden.

1908 wird eine neue, größere Kirche ihrer Bestimmung übergeben; Kanzel und Altar der alten Kirche werden in den Schwarzwald verschenkt; Glocken und Turmuhr gehen in den Hunsrück. Nur 15 Monate vergehen zwischen der Grundsteinlegung und der Einweihung des neuen Gotteshauses am 3. November 1908.

Der damalige Pfarrer Ludwig Fromme beschreibt den Neubau mit folgenden Worten: „Wir haben hier den sichtbaren Beweis dafür, dass es möglich ist, auch im ländlichen Rahmen etwas künstlerisch Wertvolles zu schaffen, ohne talmigotische Zieraten oder sonstige billige Anleihen bei den ,historischen’ Stilformen der Romantik und Gotik.“ Die Kanzel bildet den Mittelpunkt der „Predigtkirche“ reformatorischen Gepräges. Auf einen Mittelgang wird zugunsten zweier Seitengänge verzichtet. Die Orgelbühne oberhalb hinter ihr nimmt die Orgel der Frma E. F. Walcker & Cie. in Ludwigsburg auf und bietet Platz für den Sängerchor, beide im Angesicht der Gemeinde. Nach mehrfachen Reparaturen wird die Orgel 1975 auf die rückwärtige Empore verlegt.
Erwähnt sei noch die künstlerische Gestaltung der Fenster: zu beiden Seiten der ursprünglichen Orgel die Bildnisse zweier Männer, deren Namen auf das engste mit der Entwicklung des evangelischen Kirchengesangs verknüpft sind: Johann Sebastian Bach und Paul Gerhardt. Die vier großen Fenster im eigentlichen Kirchenraum zeigen Motive aus dem Neuen Testament. Leider wurden die reinseitigen Fenster am Ende des Zweiten Weltkriegs durch Beschuss zerstört. Von den drei Glocken in den Tönen c´- es´- f ´, haben zwei ebenfalls den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden; sie wurden 1956 neu gegossen. Um die Kirche gruppieren sich das Pfarrhaus, das Küsterhaus mit dem Gemeindebüro, das Evangelische Jugendheim und der Kindergarten.

Die evangelischen Gemeindemitglieder aus Dollendorf und aus Römlinghoven erhielten erst 1973 ihre eigene Kirche. Am 23. September jenes Jahres fand die feierliche Schlüsselübergabe für das neue Gemeindezentrum in der Niederdollendorfer Friedenstraße statt. Bis zu diesem Zeitpunkt feierten die evangelischen Christen aus Dollendorf ihren sonntäglichen Gottesdienst im Bethaus „Nissi“ („Der Herr sieht mich“) des evangelischen Kinderheims Probsthof an der Hauptstraße.
Räumlich mit der Kirche in Niederdollendorf verbunden sind das evangelische Gemeindezentrum und das Pfarrhaus. Besonders fallen dem Betrachter die große, farbige bleiverglaste Front des Kirchenraumes und der freistehende, hoch aufragende Glockenturm mit seinem Schieferdach und dem Kreuz auf einer vergoldeten Weltkugel ins Auge. Die drei Glocken im Turm mit der Tonfolge h – d´- e´ tragen entsprechend unserem Glaubensbekenntnis biblische Sprüche zur Beschreibung des dreieinigen Gottes. Im Jahre 2000 konnte die Gemeinde mit großer Freude den neu gestalteten Altarraum in Besitz nehmen.