Sakralräume mit allen Sinnen erfahren

Wieder ein mehr als bemerkenswerter Abend im Rahmen der ökumenischen Vortragsreihe "Am Achten um Acht". Diesmal war die holländische Religionswissenschaftlerin Dr. Kim de Wildt zu Gast im Gemeindezentrum Dollendorf. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt u.a. in der Religionspädagogik und bei der Umwidmung von Sakralräumen.


Gleich nach der Begrüßung durch die Organisatorin dieses Abends, Annette Windel, zeigt sich, dass es unterschiedliche Meinungen darüber gibt, was ein Sakralraum ist, wo er anfängt (bei der Türschwelle oder schon davor). Im katholischen Kirchenrecht bedarf es dafür eine Kirchweihe und eine Entweihung zur Profanisierung.


Kim de Wildt bevorzugt das Yin und Yang-Bild: um Sakralität zu erkennen, braucht man Profanität und umgekehrt. Sie bedingen einander. Kirchen mit ihren Kirchtürmen waren früher das alles überragende Zentrum eines Ortes. Heutzutage überlagern viel höher aufragende Hochhäuser die Kirchtürme. Ein Sakralraum kann folgende Funktion haben mit entsprechenden architektonischen Auswirkungen:

- Gotteshaus (domus dei): ein Haus zur Ehre Gottes. Dies kann sich z.B. im großen Abstand zum Heiligtum zeigen (wie z.B. im Kölner Dom) oder in unzugänglichen Bereichen (z.B. eines hinduistischen Tempels)

- Versammlungshaus (domus ecclesiae): Hier kommen Menschen zusammen, sind dem Prediger und einander eher zugewandt (wie z.B. in vielen Synagogen).


Sakralräume sind der Ort für Gebet, Ritual und Gottesdienst. Es gibt, so macht uns Kim de Wildt aufmerksam, einige wichtige Elemente, die sich in vielen Religionen auf die unterschiedlichste Art wiederfinden, so z.B. das Wasser zur rituellen Reinigung zur Einstimmung oder als Weihwasser oder als Taufwasser. Auch die Gebetsrichtung ist vielfach festgelegt. Die Juden beten gen Jerusalem, die Muslime in Richtung Mekka. Die Sakralräume der Hindus sind zur Sonne ausgerichtet. Interessant war auch, dass viele Religionen ihren Gläubigen Vorschriften zum Gebet machen: Im Islam sollte 5 x täglich gebetet werden, im Judentum 3 x. Die Christen haben eine Tageszeitliturgie, wohingegen die Hindus keine feste Ordnung haben.


Kim de Wildts Begeisterung für alle Sakralräume ist ansteckend und sie ermutigte die Zuschauer, ganz offen Sakralräume unterschiedlichster Glaubensrichtungen zu besuchen. Beim aufmerksamen, mit allen Sinnen durchgeführten Wahrnehmen erkennt man, was diesen Menschen heilig ist, denn ein Sakralraum ist eine Form von materialisierter Theologie/Liturgie. Wie ist die Lichtgestaltung, was ist angestrahlt? Wie riecht es in dem Raum? Welche Materialien wurden verwendet und wie wirkt dies alles auf mich persönlich.
Jeder der sich aktiv beteiligten Zuhörer wird sehr wahrscheinlich in Zukunft Gotteshäuser anders und bewusster wahrnehmen.